Glasmacherstadt Weißwasser

Vom Heidedorf zum Industriestandort – 150 Jahre Glasgeschichte

 
Weißwasser, heute bekannt als traditionsreiche Glasmacherstadt, war noch Mitte des 19. Jahrhunderts ein unscheinbares Heidedorf in der Oberlausitz mit nur etwa 700 Einwohnern. Der entscheidende Wandel setzte ein, als im Muskauer Faltenbogen reiche Vorkommen an Rohstoffen wie Braunkohle, Holz, Sand und Ton entdeckt wurden. Diese natürlichen Ressourcen bildeten die Grundlage für die spätere Industrialisierung. Ein weiterer Schlüsselfaktor war die Entscheidung, die Eisenbahnstrecke Berlin–Görlitz durch Weißwasser zu führen, was die Ansiedlung von Industrie und die Erschließung der Region erheblich beschleunigte.

1872 begannen Görlitzer Kaufleute in Weißwasser den ersten Glasschmelzofen mit 16 Häfen zu errichten, schon ein Jahr später wurde dieser eingeheizt. Auch wenn die Hütte bereits 1876 Konkurs anmelden musste, war damit dennoch der Grundstein für die Entwicklung Weißwassers zur Glasmacherstadt gelegt. Der erfahrene Glasmacher Wilhelm Gelsdorf erkannte das Potenzial des Standorts, erwarb Anteile an der Firma und führte 1877 mit 26 Glasarbeiterfamilien die Wiederinbetriebnahme der Hütte durch; die Produktion von Gebrauchsgläsern nahm wieder Fahrt auf.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Weißwasser rasant: Bis 1903 entstanden zehn weitere Glasfabriken, die Stadt wuchs von einem kleinen Dorf zu einer bedeutenden Industriestadt heran. Die Einwohnerzahl stieg von etwa 1.000 im Jahr 1885 auf rund 15.000 im Jahr 1935 (Stadtrecht) und zählte 1988 sogar über 38.000 Einwohner.

Die Arbeit mit Glas wurde zum wirtschaftlichen Herzstück der Stadt. 1924 waren etwa 75 Prozent der Bevölkerung, das heißt 9.647 Menschen, in der Glasindustrie beschäftigt. Die industrielle Infrastruktur war beeindruckend: Neben den 11 Glashütten gab es 30 Glasschmelzöfen mit 49 Ofenabteilungen, 486 Häfen, 5 Glasraffinerien, 3 Ziegeleien, 4 Kohlewerke, 4 metallverarbeitende Betriebe, eine Spiegelfabrik und eine Porzellanfabrik. Die Produktpalette war riesig – allein die Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) boten 1935 etwa 60.000 verschiedene Artikel an. Auch die Qualität der Produkte aus Weißwasser wurde international anerkannt: 1937 erhielt das Rautenglas-Sortiment auf der Pariser Weltausstellung den Grand Prix.

Einen besonderen Platz in der Geschichte nimmt sicherlich die „Neue Oberlausitzer Glashüttenwerke Schweig & Co. AG“ ein, die um 1920 als größter Glühlampenkolbenhersteller der Welt galt und wöchentlich 3,5 Millionen Glaskolben produzierte. Bedeutende Unternehmen wie Siemens, AEG, Deutsche Gasglühlicht AG und OSRAM zählten zu den wichtigsten Abnehmern.

Auch Persönlichkeiten prägten die Geschichte: Wilhelm Wagenfeld, einst Schüler am Bauhaus, wirkte von 1935 bis 1947 als künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG); ihm folgte im Anschluss Friedrich Bundtzen. Von 1936 bis 1944 arbeitete zudem Ernst Neufert, Autor der „Bauentwurfslehre“, als Werksarchitekt der VLG.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Glashütten enteignet, umstrukturiert und als VEB Kombinat Lausitzer Glas weitergeführt. Die Produkte wurden unter den Marken „Lausitzer Glas“ und „Lausitz Weisswasser Design“ national und international vermarktet. Bis in die frühen 1990er Jahre blieb die Glasindustrie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Oberlausitz und deckte ein breites Produktspektrum ab – von Glühlampenkolben über Gebrauchsglas bis zu edlem Kristallglas.

Die politische Wende und der Zusammenbruch der traditionellen Industrie entzogen Weißwasser jedoch seine wirtschaftliche Grundlage. Viele Menschen verloren ihre Arbeit, die Einwohnerzahl sank auf etwa 15.000. Heute bietet die Glasindustrie, vertreten vor allem durch die Stölzle Lausitz GmbH, nur noch wenigen Menschen Arbeit. Technische Innovationen haben die Produktion effizienter, aber auch personalärmer gemacht.

Im Alltag spielt Glas jedoch weiterhin eine bedeutende Rolle und ist in vielen Bereichen unverzichtbar. Das Glasmuseum Weißwasser erinnert an die große Geschichte der Glasindustrie und an die Menschen, die sie geprägt haben. Es bewahrt Tradition, vermittelt Wissen und setzt u.a. mit der Initiative „Zukunft Glas“ Impulse im zukünftigen Umgang mit dem Werkstoff und daraus resultierenden Möglichkeiten für Stadt und Region.

 
Quelle: Geschichte der Glasindustrie, Förderverein Glasmuseum Weißwasser e. V.